Tarot verstehen
Woher die Bilder kommen
Von höfischen Trionfi über Druckwerkstätten bis zu Hermetik, Astrologie und moderner Psychologie: Die Symbolik des Tarot ist gewachsen und widerspricht sich manchmal bewusst.
Vom Spiel zum Tarot
Spielkarten kamen im späten 14. Jahrhundert nach Europa. In Norditalien ergänzte man im 15. Jahrhundert vier Farbreihen um eine Folge besonderer Trumpfkarten, die trionfi. Prunkvolle handgemalte Blätter wie die Visconti-Sforza-Karten waren höfische Luxusobjekte und Spielkarten – keine erhaltenen Handbücher belegen sie als geheime ägyptische Weisheitslehre.
Mit dem Druck verbreiteten sich regionale Formen. Was heute Tarot de Marseille heißt, wurde vor allem in französischen und schweizerischen Werkstätten des 17. und 18. Jahrhunderts geprägt. Die Bezeichnung selbst ist jünger als viele der Karten, die sie zusammenfasst.
Ausführliche Wahrsagesysteme entstanden erst später. Im späten 18. Jahrhundert erklärten Autoren wie Court de Gébelin und Etteilla das Tarot zur Trägerin uralter Geheimnisse. Historisch sind ihre Ägypten-Erzählungen nicht belegt; für die spätere esoterische Bildsprache waren sie trotzdem enorm einflussreich.
Warum so viele christliche und höfische Bilder auftauchen
Papst, Kaiserin, Tugenden, Tod, Gericht und Welt gehörten zur Bildwelt des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europas. Triumphzüge, Moralspiele und die Idee wechselnden Glücks lieferten Motive, die damalige Spieler sofort lesen konnten.
Spätere Orden und Autorinnen verbanden diese Bilder mit Kabbala, Astrologie, Alchemie und Hermetik. Deshalb kann dasselbe Symbol mehrere Herkunftsschichten tragen: historisch christlich, okkult neu geordnet und heute psychologisch gelesen.
- Rad des Schicksals
- Mittelalterliches Motiv der Fortuna: Aufstieg, Höhepunkt, Fall und erneuter Wandel.Nicht ursprünglich ein astrologisches Geburtshoroskop.
- Die Mäßigkeit
- Eine klassische Tugend. Das Umgießen verbindet Gegensätze und sucht das richtige Maß.In neueren Decks oft zusätzlich alchemistisch gedeutet.
- Der Stern
- Nacktheit, Wasser und Sterne sprechen von Offenheit, Regeneration und Orientierung.Die konkrete Sternzahl und astrologische Zuordnung hängen vom Deck ab.
Wie Symbole gelesen werden
Ein Symbol ist kein mathematisches Zeichen. Farbe, Blickrichtung, Körperhaltung, Landschaft, Zahl und Wiederholung bilden gemeinsam eine Szene. Eine geschlossene Tür kann Schutz oder Ausschluss bedeuten; erst Frage und Umgebung entscheiden, welche Spannung wichtig ist.
Auch umgekehrte Karten haben keine automatische Gegenbedeutung. Sie können Verzögerung, Verinnerlichung, Übermaß oder einen blinden Fleck anzeigen. Wer jede Karte nur in „gut“ und „schlecht“ teilt, verliert einen großen Teil ihrer Bildsprache.
- Wasser
- Gefühl, Beziehung, Intuition und das, was sich nicht festhalten lässt.
- Berge
- Distanz, Prüfung, Ziel oder eine Perspektive jenseits des aktuellen Ortes.
- Krone
- Autorität und Ordnung – oder etwas, das vom Blitz des Turms gerade entmachtet wird.
- Hund beim Narren
- Instinkt, Begleitung, Warnung oder Lebensfreude; verschiedene Bilder betonen verschiedene Rollen.